Die Fotoserie zeigt verschiedene Familiengärten in Aarau als persönliche, gestaltete Rückzugsorte. Das Magazinprojekt weitet den Blick auf die globale und lokale Verteilung von Land. Einige der Gartenaufnahmen verbinden beide Ebenen – als visuelle Brücke zwischen privatem Raum und globaler Landnutzung. Weitere Informationen dazu finden sich im Magazinprojekt.
Fotoserie: «Familiengärten zwischen Telli und Autobahn»
Familiengärten – Zwischen Tradition und Zukunft
Seit vielen Jahren pflege ich gemeinsam mit meinem Partner einen kleinen Schrebergarten. Die Nähe zur Natur, das eigene Tun und der Rhythmus des Wachsens sind für mich ein fester Teil des Alltags geworden.
Früh hat mich ein Satz geprägt, den ich als Jugendliche gehört habe:
Ein Garten gibt dir in unsicheren Zeiten Sicherheit, Unabhängigkeit und eine verlässliche Nahrungsquelle.
Er stammt vom Vater eines Jugendfreundes, der in der Kriegsgefangenschaft in Russland war.
Diese Worte haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. So habe ich mich fotografisch auf die Suche gemacht: So habe ich mich fotografisch auf die Suche gemacht: Was bedeuten Familiengärten heute? Wie werden sie genutzt – als Rückzugsort, als Kulturraum, als Zukunftsperspektive? Eine geschichtliche Timeline und Stimmen von Gartenbesitzern runden diese fotografische Auseinandersetzung ab.
Kleingarten, Familiengarten, Bünt, Laube, Areale – viele Namen, ein Prinzip
Die Kleingartenanlagen der Schweiz entstanden oft an der Peripherie der wachsenden Städte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie waren eine direkte Antwort auf die schlechten Lebensbedingungen der industriellen Zeit, die viele Menschen – insbesondere ungelernte Arbeiter und Gelegenheitsarbeiter – in Armut stürzte. Kleingärten boten ihnen nicht nur die Möglichkeit zur Selbstversorgung, sondern auch einen Ort der Erholung und Gemeinschaft.
Um die Not zu lindern, errichtete die Stadt Zürich die erste Arbeitshütte – eine Arbeitsanstalt für arbeitslose Männer, die die landwirtschaftlichen Randgebiete der Stadt besser nutzen sollten. Ziel war es, die vorhandene extensive Graswirtschaft durch gezielte Anpflanzungen und Arbeiten zu ergänzen und sinnvoller zu gestalten. Dieses Konzept hatte nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern schuf auch sinnvolle Beschäftigung und stärkte die soziale Integration. Kurz darauf wurde der «Verband Arbeitshütte» in den Verein für Familiengärten umgewandelt, der die Kleingartenbewegung der Schweiz bis heute prägt.
1913
Die Arbeitsanstalt für arbeitslose Männer: Ein Schritt zur Linderung der Not durch sinnvolle Beschäftigung und soziale Integration.
1915
Selbstversorgung und soziale Stabilität: Gesunde Ernährung und Verständnis für Natur durch Landvergabe an Arbeiterfamilien.
Die Stadt Zürich stellte 1915 Arbeiterfamilien Land zur Verfügung, das intensiv bepflanzt werden konnte, um die Selbstversorgung zu fördern, anstatt finanzielle Unterstützung zu gewähren. Kleingärten hatten zudem eine «erzieherische, hygienische und moralische Funktion», indem sie der Jugend ein Verständnis für Natur und Nachhaltigkeit vermittelten. Sie trugen wesentlich dazu bei, Familien finanziell zu entlasten und gesündere Ernährung zu ermöglichen, während sie auch den sozialen Zusammenhalt stärkten. Der Erfolg der Schrebergärten lässt sich vielleicht mit den hohen Ausgaben für Lebensmittel während des 19. Jahrhunderts erklären:
Im Jahre 1900 musste eine Familie durchschnittlich 54% ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden. Heute sind es knapp 10%.
Im Bündtenareal «Kläranlage» in Aarau und Obermatt in Rohr treffen unterschiedliche Kulturen, Vorstellungen und Lebensweisen auf kleinstem Raum aufeinander. Über 15 Nationen sind hier vertreten. Die städtischen Bündtenareale bieten den Bewohnern Möglichkeiten zur Bepflanzung kleiner Landflächen sowie zur Freizeitgestaltung und Erholung. Eine wichtige Regel besagt, dass 60 Prozent der Parzelle bepflanzt werden müssen, während 40 Prozent für Freizeit, Rasen und Schrebergartenhaus genutzt werden dürfen.
2015
Kleingärtner von heute: Ein Spannungsfeld der Kulturen auf kleinstem Raum.
2025
Aktuelle Herausforderungen: Eigenverantwortung und Gestaltungswille in einer sich verändernden Gesellschaft.
Familiengärten stehen für Eigenverantwortung, Selbstversorgung, nachhaltige Lebensweise und Naturverbundenheit – Werte, die heute genauso wichtig sind wie früher. Doch immer mehr Areale werden zugunsten gemeinschaftlich verwalteter Flächen aufgegeben. Dieser Wandel verdrängt Gestaltungswillen und persönliche Entwicklung und ersetzt Eigenverantwortung durch regulierte Strukturen, die durch externe Vorgaben gelenkt werden. Dabei werden zentrale Bedürfnisse wie Gestaltungsfreiheit, nachhaltiges Handeln und Naturverbundenheit eingeschränkt. Familiengärten sind Heimat – sie bewahren diese Werte, fördern Engagement und bieten Raum für eine aktive, verantwortungsbewusste Gemeinschaft.
1. Artikel in einer Zeitschrift: Gallati, M. & Schiller, J. (2011). «Freizeit im Familiengarten. Zur regenerativen Funktion der Zürcher Kleingärten seit ihrer Gründung bis in die 1960er Jahre». Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SVAk). Hier herunterladen.
2. Postulat: Gemeinderat Zürich (4. Oktober 2023). Hier runterladen.
Familiengärten zwischen Telli und Autobahn
Diese Fotoserie zeigt verschiedene Pächter und Pächterinnen aus unterschiedlichen Generationen und Nationen sowie deren Nutzung der Schrebergärten.

















