Fotoserie: «Familiengärten zwischen Telli und Autobahn»

Fotodesign
2015

Die Fotoserie zeigt verschiedene Familiengärten in Aarau als persönliche, gestaltete Rückzugsorte. Das Magazinprojekt weitet den Blick auf die globale und lokale Verteilung von Land. Einige der Gartenaufnahmen verbinden beide Ebenen – als visuelle Brücke zwischen privatem Raum und globaler Landnutzung. Weitere Informationen dazu finden sich im Magazinprojekt.

Fotoserie:Familiengärten-Kläranlage-Telli

Familiengärten – Zwischen Tradition und Zukunft

Seit vielen Jahren pflege ich gemeinsam mit meinem Partner einen kleinen Schrebergarten. Die Nähe zur Natur, das eigene Tun und der Rhythmus des Wachsens sind für mich ein fester Teil des Alltags geworden.

Früh hat mich ein Satz geprägt, den ich als Jugendliche gehört habe:

Er stammt vom Vater eines Jugendfreundes, der in der Kriegsgefangenschaft in Russland war.

Diese Worte haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. So habe ich mich fotografisch auf die Suche gemacht: So habe ich mich fotografisch auf die Suche gemacht: Was bedeuten Familiengärten heute? Wie werden sie genutzt – als Rückzugsort, als Kulturraum, als Zukunftsperspektive? Eine geschichtliche Timeline und Stimmen von Gartenbesitzern runden diese fotografische Auseinandersetzung ab.

Geschichtliche Entwicklung

Kleingarten, Familiengarten, Bünt, Laube, Areale – viele Namen, ein Prinzip

Die Kleingartenanlagen der Schweiz entstanden oft an der Peripherie der wachsenden Städte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie waren eine direkte Antwort auf die schlechten Lebensbedingungen der industriellen Zeit, die viele Menschen – insbesondere ungelernte Arbeiter und Gelegenheitsarbeiter – in Armut stürzte. Kleingärten boten ihnen nicht nur die Möglichkeit zur Selbstversorgung, sondern auch einen Ort der Erholung und Gemeinschaft.

Um die Not zu lindern, errichtete die Stadt Zürich die erste Arbeitshütte – eine Arbeitsanstalt für arbeitslose Männer, die die landwirtschaftlichen Randgebiete der Stadt besser nutzen sollten. Ziel war es, die vorhandene extensive Graswirtschaft durch gezielte Anpflanzungen und Arbeiten zu ergänzen und sinnvoller zu gestalten. Dieses Konzept hatte nicht nur wirtschaftlichen Nutzen, sondern schuf auch sinnvolle Beschäftigung und stärkte die soziale Integration. Kurz darauf wurde der «Verband Arbeitshütte» in den Verein für Familiengärten umgewandelt, der die Kleingartenbewegung der Schweiz bis heute prägt.

Die Stadt Zürich stellte 1915 Arbeiterfamilien Land zur Verfügung, das intensiv bepflanzt werden konnte, um die Selbstversorgung zu fördern, anstatt finanzielle Unterstützung zu gewähren. Kleingärten hatten zudem eine «erzieherische, hygienische und moralische Funktion», indem sie der Jugend ein Verständnis für Natur und Nachhaltigkeit vermittelten. Sie trugen wesentlich dazu bei, Familien finanziell zu entlasten und gesündere Ernährung zu ermöglichen, während sie auch den sozialen Zusammenhalt stärkten. Der Erfolg der Schrebergärten lässt sich vielleicht mit den hohen Ausgaben für Lebensmittel während des 19. Jahrhunderts erklären:

Im Bündtenareal «Kläranlage» in Aarau und Obermatt in Rohr treffen unterschiedliche Kulturen, Vorstellungen und Lebensweisen auf kleinstem Raum aufeinander. Über 15 Nationen sind hier vertreten. Die städtischen Bündtenareale bieten den Bewohnern Möglichkeiten zur Bepflanzung kleiner Landflächen sowie zur Freizeitgestaltung und Erholung. Eine wichtige Regel besagt, dass 60 Prozent der Parzelle bepflanzt werden müssen, während 40 Prozent für Freizeit, Rasen und Schrebergartenhaus genutzt werden dürfen.

Familiengärten stehen für Eigenverantwortung, Selbstversorgung, nachhaltige Lebensweise und Naturverbundenheit – Werte, die heute genauso wichtig sind wie früher. Doch immer mehr Areale werden zugunsten gemeinschaftlich verwalteter Flächen aufgegeben. Dieser Wandel verdrängt Gestaltungswillen und persönliche Entwicklung und ersetzt Eigenverantwortung durch regulierte Strukturen, die durch externe Vorgaben gelenkt werden. Dabei werden zentrale Bedürfnisse wie Gestaltungsfreiheit, nachhaltiges Handeln und Naturverbundenheit eingeschränkt. Familiengärten sind Heimat – sie bewahren diese Werte, fördern Engagement und bieten Raum für eine aktive, verantwortungsbewusste Gemeinschaft.

Quellenangabe
1. Artikel in einer Zeitschrift: Gallati, M. & Schiller, J. (2011). «Freizeit im Familiengarten. Zur regenerativen Funktion der Zürcher Kleingärten seit ihrer Gründung bis in die 1960er Jahre». Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SVAk). Hier herunterladen.
2. Postulat: Gemeinderat Zürich (4. Oktober 2023). Hier runterladen.
Fotoserie

Familiengärten zwischen Telli und Autobahn

Diese Fotoserie zeigt verschiedene Pächter und Pächterinnen aus unterschiedlichen Generationen und Nationen sowie deren Nutzung der Schrebergärten.

Stimmen aus den Familiengärten

Als Kind ass ich, was auf dem Markt nicht verkauft wurde. Heute denke ich oft daran, wie meine Mutter sich freuen würde, dass ich ihr Handwerk weiterführe.

Herr Wehrlilangjähriger Schrebergartenbesitzer

Ich habe viel gearbeitet, viel getragen, aber hier habe ich mein Zuhause gefunden. Mein Garten, meine Kinder – das ist mein Glück.

Frau FatmaSchrebergartenbesitzerin – ursprünglich aus der Türkei

Ich lebe in einem der Telli-Hochhäuser, das ich selbst mitgebaut habe. Doch hier im Schrebergarten, zwischen Tomaten und Artischocken, liegt mein Rückzugsort. Ich träume von meiner Heimat Parma. Und irgendwo dazwischen bin ich zu Hause.

Herr QuattrocchiSchrebergärtner beim Telli-Areal – ursprünglich aus Parwa, Italien